Eine Predigt: #OrganisierteLiebe und All You Need is Love

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Gesellschaft / Predigten

Exklusiv! Exklusiv, wie das schon klingt. Aber exklusiv veröffentliche ich einfach mal die Predigt meiner Frau, die sie am kommenden Wochenende halten wird. Ich veröffentliche sie, weil ich sie toll finde. Und ich finde die Predigt nicht nur toll, weil sie von meiner Frau ist, sondern weil es eine so wundervolle Predigt ist. Eine Predigt über Liebe und eine Predigt in der Kübra Gümüşay erwähnt wird und mit ihr ihre Forderung nach #OrganisierteLiebe.

1. Joh 4,16b-21:
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott und Gott in ihm.
17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen,
dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts;
denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt.
18 Furcht ist nicht in der Liebe,
sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus;
denn die Furcht rechnet mit Strafe.
Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.

19Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.
20 Wenn jemand spricht:
Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner.
Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht,
der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.
21 Und dies Gebot haben wir von ihm,
dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

Was für ein Predigttext.
Während ich ihn lese habe ich die ganze Zeit eine Melodie im Kopf.
Vielleicht hören sie sie auch:
Gott ist die Liebe
dapdadada
Lasst uns lieben
Dapdadada
wer Gott liebt, der liebe auch seinen Bruder.
All you need ist love, love,
love is all you need.

Haben Sie das auch gehört?

All you need is love – alles was du brauchst, ist Liebe.

Sangen die Beatles im sogenannten Summer of love (dem Sommer der Liebe) 1967.
Es wurde schnell zur Hymne der amerikanischen Hippies dieser Zeit.

Konzipiert war der Song als allumfassende Botschaft.

Und so beginnt „all you need is love“ mit einem musikalischen Zitat.
Es erklingen die ersten vier Takte der Marseillaise, die uns heute als Nationalhymne Frankreichs vertraut ist.

Text und Melodie stammen von einem französischen Offizier.
Er verfasste das Lied in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 in Straßburg unter dem Eindruck der wenige Tage zuvor erfolgten Kriegserklärung an Österreich, die den ersten Koalitionskrieg auslöste zwischen dem revolutionären Frankreich und einer Koalition aus Österreich, Preußen und einigen kleineren deutschen Staaten.
Ein Kriegslied also.

Die Beatles setzen dem die Parole des Sommers 1967 entgegen: „Love, love, love“.

Musikalisch bietet der Song in seiner Eingängigkeit zunächst nichts außergewöhnliches.
Doch der Schlussteil ist bemerkenswert.
In den beharrlich wiederholten letzten Vers des Refrains („love is all you need“) mischen sich diverse musikalische Zitate.
So entsteht eine Collage.
Eingearbeitet in diese Collage sind Melodieabfolgen von Johann Sebastian Bach, über das englische Volklied Greensleeve bis hin zu einem Swingklassiker und Selbstzitaten der Beatles aus ihren eigenen Stücken.
Das Lied spannt damit einen Bogen über Zeiten und nationale Grenzen hinweg.
So wie auch die Sendung „our World“ für die „all you need is love“ speziell geschrieben wurde und die damals in viele Länder übertragen wurde.
Es ist damit wie ein Statement für die allumfassende Liebe, die diese Welt besser machen könnte, wenn die Menschen sich ihr hingeben würden.

Der Titel stürmte damals die Charts.
Die Kritiker jedoch sahen das Ganze weniger euphorisch.
Die Musik wurde als „schlicht und einfallslos“ beurteilt.
Der Text als „naiv, selbstzufrieden und bedeutungslos“ abqualifiziert.
Und das ist der Punkt wo ich einhaken möchte.
Denn auch unser Predigttext heute kommt mit einer ähnlichen Botschaft daher.

Liebe deinen Bruder, heißt es darin. Denn darin kommt zum Ausdruck, dass du auch Gott liebst. Love, love, love, könnte letzlich auch die Hymne der christlichen Botschaft sein. Ich jedenfalls könnte mir Jesus bei einem der vielen Festivals des Summer of Love vorstellen. Mittendrin, tanzend in der Menge zu genau diesem Titel.

Der Ruf nach weltumspannender Liebe kommt vielen oft naiv und zu einfach vor. Die Welt ist voll von Krieg und Gewalt, da kann Liebe allein nichts ändern. Oder doch?

„You may say I’m a dreamer“ (du könntest sage ich wär ein Träumer) singt John Lennon 1971 in seinem Song „Imagine“. Und das sagen viele, denen man mit der Botschaft der Liebe kommt. Zu einfach, zu abgedroschen. Ist das wirklich so?

Ich habe neulich einen Vortrag von Kübra Gümüşay mit dem Titel: Organisierte Liebe gesehen. In diesem Vortrag, der auf einer Konferenz zu Internetthemen gehalten wurde, spricht sie davon, wie sie, als kopftuchtragende praktizierende Muslima, von jeher mit Diskriminierung konfrontiert war. In ihrem Vortrag plädiert sie dafür dem organisierten Hass, wie er im Internet, aber auch außerhalb des Internets bei Pegida und ähnlichen Organisationen zu finden ist, organisierte Liebe entgegen zu stellen. Und zwar nicht als einzelne Menschen, sondern als Gruppe, die sich auf die Liebe stützt, auf die Liebe beruft.

So sagt sie: „Wir könnten viel, viel lauter sein, denn organisierte Liebe ist ein politisches Werkzeug!“

Und sie erinnert daran, das die Verantwortung gegen Vorurteile zu arbeiten nicht bei den Betroffenen liegt, sondern bei der gesamten Gesellschaft. Und gegen den Hass stellt sie: immer wieder die Liebe. Die Liebe ,die Ausdruck findet in unserer Wertschätzung, in unseren Gesten und Worten für andere:

„Wenn du etwas gut findest, dann sag das doch! Dann feiere das doch. Die Person, die Ideen, die Werte, die Texte! Wir müssen einander feiern. Ich finde dich toll! Ich bin ein Fan von dir! Und zwar von lebenden Menschen und nicht nur von Toten.“: So Kübra Gümüşay weiter.

Komplimente, Liebeserklärungen, weitersagen und erzählen, von tollen Menschen und Ideen. Laut zu sagen, was man toll findet, statt sich mit dem aufzuhalten, was niederdrückt, was Hass sät und klein macht. Gelebte Liebe sollte laut werden in Worten und Gesten. Ist das zu naiv?Ist „all you need ist love“ zwar ganz nett, aber leider zu oberflächlich und einfach? Ist die Forederung einer jungen Frau danach sich zusammenzuschließen und die Liebe statt den Hass laut werden zu lassen zu viel verlangt?

Die Herausforderung daran ist, dass wir es alle machen müssen. Das auch wir, die wir nicht aufgrund eines Kopftuches tagtäglich mit Hass konfrontiert werden nicht nur innerlich und eigentlich natürlich selbstverständlich gegen Hass sind. Sondern die Liebe laut werden lassen.

Kübra Gümüşay, nimmt nicht einfach hin, was ihr entgegenschlägt sondern stellt sich mutig dagegen. Doch alleine kann das keiner schaffen.

All you need is love.
So einfach und naiv ist die Botschaft gar nicht, glaube ich.
Im Gegenteil, sie ist vielleicht das schwerste was es gibt, denn sonst hätten wir es doch schon längst geschafft, oder?

Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt. Und: wer Gott liebt, der liebe auch seinen Bruder und seine Schwester.

All you need is love als Evangelium.
Eine schlichte Botschaft, aber keine einfache.
Und nur gemeinsam zu schaffen.

Amen

4 Kommentare

  1. Ibn ... sagt

    Da irrt sich Johannes aber darin, dass vollkommene Liebe und Furcht sich unbedingt ausschließen. Vielleicht gilt dies in Bezug auf Menschen und sonstige Geschöpfe, bei diesen sind Liebe und Furcht schwer vereinbar.

    Den Schöpfer jedoch angeblich zu lieben, ohne Ihn zu fürchten, ist unglaubwürdig. Furcht aus Liebe ist das, was diese Liebe bestätigt.

  2. Das hat sie wunderbar geschrieben. 🙂 Ich bin immer furchtbar irritiert, wenn ich Reportagen amerikanischer Evangelikaler sehe, die Gott so furchtbar und bedingungslos lieben und deren Söhne Soldaten werden, um Amerika zu verteidigen. Das macht mich fassungslos. Ich hoffe dann immer, dass für Dokumentationen Extrembeispiele herausgesucht wurden.

    @Ibn
    Ich sehe das anders. Ich muss Gott nicht fürchten, um lieben zu können. Meine Kinder müssen mich nicht fürchten, um zu lieben. Seit ich das weiß, fällt mir glauben leichter und ich kann endlich Abstand von dem strengen, grollenden, immer unzufriedenenen Gott nehmen, der mir in der Kindheit vermittelt wurde.
    Mit dem NT kann ich auch deutlich mehr anfangen als mit dem AT.

  3. Wollfroeschle sagt

    Amen. Keine zusätzlichen Worte sind nötig. Ach doch eines, danke. Eine tolle Predigt.

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