Kinder, Karriere und Geschlechterrollen

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Gesellschaft

Vor kurzem unterhielten meine Frau und ich uns darüber, welche heterosexuellen Beziehungen wir kennen, bei denen Kinder vorhanden sind und wie es bei diesen Beziehungen mit der Verantwortung für die Kinder aussieht. Es überrascht bestimmt nicht, dass es in der Regel die Frauen sind, die sich vorwiegend um die Kinder kümmern und ihre Karriere hinten an stellen. Genau genommen kennen wir – bis auf eine Ausnahme – keine Beziehung in der der Mann mehr zuhause ist als die Frau. Oft arbeitet die Frau zudem keine 100%. Ich erzähle euch hier bestimmt nichts Neues. Ihr werdet diese Beispiele bestimmt auch in eurem Umfeld zu genüge finden. Wir sprachen also weiter und sammelten einige Erlebnisse von Frauen aus unserem Bekanntenkreis zusammen. Erlebnisse, die auch andeuten, warum Frauen nach der Geburt der Kinder in der Karriere nicht mehr so schnell voran kommen:

a)
Eine Bekannte ist Ärztin. Als sie nach der Elternzeit wieder mit der Arbeit begann wurde eine Stelle als Fachärztin in ihrer Klinik frei. Sie war großer Hoffnung, dass sie die Stelle erhalten würde. Es gab schon seit längerer Zeit Absprachen. Letztendlich erhielt sie doch eine Absage. Im Gespräch wurde ihr mitgeteilt, dass ihr ein Mann vorgezogen wurde. Die entscheidenden Personen hatten zu große Sorgen, dass sie in den nächsten Jahren erneut wegen einer Schwangerschaft ausfallen würde.

b)
Eine Bekannte ist Lehrerin. Nach der Elternzeit wollte sie sich auf eine Fortbildung bewerben. Diese sollte parallel zur eigentlich Arbeit stattfinden und sich über einen Zeitraum von zwei Jahren erstrecken. Ein höhergestellter Kollege hätte sie für die Fortbildung vorschlagen müssen. Er hat es nicht getan. Begründet hat er es damit, dass man nicht weiß, ob sie in diesen zwei Jahren wegen einer Schwangerschaft ausfallen würde und sie dann die Fortbildung nicht abschließen könnte.

c)
Eine Bekannte ist mittlerweile Pfarrerin. Im Rahmen des Vikariats (vergleichbar mit dem Referendariat für Lehrer*innen) nimmt sie an einer Klinischen Seelsorgeausbildung statt. Ihr Kind wird geboren. Der Kurs beginnt kurz vor Ende ihrer Mutterschutzzeit. Den Kurs kann sie nur abschließen, wenn sie an allen Tagen teilnimmt. Das wäre durch den Mutterschutz nicht möglich. Sie will unbedingt den Kurs machen und spricht mit verschiedenen Stellen. Letztendlich klappt es nicht. Die Leiterin des Kurses schreibt ihr daraufhin: „manchmal gibt es wichtigere Dinge im Leben. Widmen Sie sich lieber ihrem kleinen Kind“. Diesen Satz hätte ein Mann nie gesagt bekommen.

Das sollen nur drei Geschichten von vielen sein, die nicht nur ich, sondern bestimmt auch ihr erzählen könnt. Bei zwei dieser Geschichten hatten die Frauen sogar Verständnis für die Reaktion der Vorgesetzten. Und jede dieser Geschichten macht mich wütend. Wütend auf die Vorgesetzten, die sich anmaßen das Leben der oben genannten Frauen zu planen, und wütend darauf, dass Frauen gesellschaftlich so sehr darauf getrimmt werden nicht einmal Wut zu empfinden, selbst dann, wenn man sie deutlich benachteiligt.

Im Kontext des Themas „Arbeitsteilung bei Mann und Frau“ wird zur Verteidigung oft gesagt: „Es war eine persönliche Entscheidung, dass die Frau zuhause bleibt oder weniger arbeitet als der Mann.“ Der Mann macht Karriere, die Frau kümmert sich mehrheitlich um die Care-Arbeit. Wir müssen aber die Frage stellen: „Wie sehr werden Frauen daran gehindert Karriere machen zu können oder auch einfach nur eine Fortbildung zu besuchen, die ihnen beim weiteren beruflichen Werdegang nützlich wäre?“ Und dann bleiben die Frauen in der Karriere stecken, verdienen weniger als ihre Männer, die mit den Bedenken der Vorgesetzten nicht konfrontiert werden. Diesen Männer, die, wenn überhaupt, nur zwei Monate Elternzeit machen, wird dann die Fortbildung oder die Beförderung angeboten. Überhaupt: Was ist mit all den Männern, die nur zwei Monate Elternzeit machen? Oft wird von ihnen behauptet, es ginge in ihrem Beruf nicht anders. Die Firma/der Chef erlaubt es ihnen nicht länger auszusetzen. Und wenn sie doch darauf bestehen würden, dann könnten sie sich einen neuen Arbeitgeber suchen. Wieso geht das bei Frauen alles, was Männer angeblich nicht können? Viel zu selten erlebe ich es bei Freunden, dass Männer darauf bestehen mehr Zeit für die Familie zu haben. Bei einer befreundeten Familie ging es sogar so weit, dass der Mann seinen Job kündigte und einen neuen, sehr viel familienfreundlicheren Arbeitgeber suchte, damit er mehr Zeit für seine Frau und das Kind haben kann. Es war kein einfacher Prozess, aber sie haben es geschafft und er wollte es unbedingt. Wieso geht es bei ihm, aber bei so vielen anderen nicht?

Der Text wirft mehr Fragen auf als das er Antworten liefert. Und viele Fragen sind nicht neu. Und doch suchen wir alle immer weiter nach Antworten. Ich glaube ja, dass wir alle viel wütendender werden müssten, wenn es um die Benachteiligung geht. Viel zu oft wird Benachteiligung hingenommen oder sogar Verständnis dafür gezeigt. Männer aber auch Frauen verteidigen oft, dass Frauen die Beförderung versagt wird. Eine Schwangerschaft könnte ja dazwischen kommen. Viel zu oft äußern Frauen in Gesprächen, dass sie lieber unter einem Mann arbeiten als eine Frau als Chef zu haben. Weibliche Vorgesetzte seien viel zu emotional und intrigant.

Was sind das für Geschlechterrollen, denen wir uns da fügen? Die Rede von einer Gleichberechtigung, die bereits erreicht ist, ist eine Mär. Wenn es so wäre, würden nicht in der Mehrheit der Fälle nach der Geburt eines Kindes, die Frauen zuhause bleiben. Wenn es so wäre, dann würden die Talente und Fähigkeiten von Frauen nicht weniger wert sein und in schlechterer Bezahlung resultieren. Der Feminismus braucht uns alle. Wir müssen für ihn kämpfen und auf die ungerechten Geschlechterrollen hinweisen und diese ändern. Männer und Frauen.

Habt ihr so etwas vielleicht schon selbst erlebt und wie seid ihr damit umgegangen?

6 Kommentare

  1. Das ist alles sehr schwierig. Wir sind den recht klassischen Weg gegangen: Ich bin zu Hause geblieben, er macht nur die üblichen zwei Monate. Das lag in unserem Fall vor allem daran, dass er deutlich mehr verdient und dadurch auch viel Geld wegfallen würde, bliebe er länger zu Hause. (Zumal ich leider in der Schwangerschaft eh arbeitslos war und mir jetzt erstmal eine neue Stelle suchen muss – also sowieso zu Hause bin.) Noch dazu bin ich als Redakteurin in meinem Beruf auch halbwegs flexibel, während mein Mann langfristige Projekte betreut, bei denen es schon schwierig ist, eine längere Zeit zu fehlen. Aber ich kenne auch ein Paar (er Ingenieur, sie Ärztin), bei denen er länger zu Hause geblieben ist und Betreuungsgeld bekommen hat. Und auch Paare, bei denen sie besser verdient/höher auf der Karriereleiter steht, die 50:50 machen wollen.
    Ich denke, dass Frauen auch oft Berufe gewählt haben (ich zum Beispiel), bei denen sie einfach wenig verdienen, im Gegensatz zu Männern. Da fällt es uns auch leichter, länger auszusetzen.
    Mir persönlich tut es nicht so weh, nur noch Teilzeit zu arbeiten (abgesehen vom Finanziellen natürlich, gerade wenn ich ans Alter denke). Ich möchte gar nicht unbedingt eine klassische Karriere machen. Aber ich würde mich sehr über das bedingungslose Grundeinkommen freuen, weil ich dann so manches Herzensprojekt angehen könnte, ohne gleich das ganze Risiko einzugehen.

    • Herr Pfarrfrau sagt

      Das Frauen häufiger Berufe wählen in denen sie weniger verdienen ist ja ein großer Bestandteil des eigentlichen Problems. Auch muss man fragen, wieso denn gerade die sozialen, oft als Frauenberufe verrufenen, Jobs häufiger schlecht bezahlt sind. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
      Und selbst wenn dann der eine Partner mehr verdient als der andere, könnte man trotzdem darüber nachdenken als Besserverdiener*in länger auszusetzen. Statt zwei Monaten wenigstens vier oder fünf… das wäre schon ein Anfang.

  2. AnneBerleyn sagt

    Ganz wichtiges Thema. Auch wir als Paar und Familie haben uns gerade wieder mit dem Thema beschäftigt. Und wir sind, wie du schon sagst, mit unserem Modell in der Kita und im Freundeskreis die einzigen. Hier habe ich darüber geschrieben, wie die Elternzeit von K2 aufgeteilt werden wird und wie wir dazu kamen: http://blog.nerdytherapist.de/2016/06/elternzeitgedanken/
    Beim Lesen deines Textes wurde mir jedoch klar, wie entschuldigend ich dabei vermutlich klinge. Die Begründung für unsere Arbeitsteilung wirkt eher wie eine rein medizinische. Das stimmt aber nicht. Ich sollte viel häufiger betonen, dass ich arbeiten möchte, und das möglichst ohne größere Unterbrechung oder Einschränkung durch Schwangerschaft, Mutterschutz etc. Klar wird dabei, dass es für mich damit sehr schwierig wäre eine Familie zu haben, hätte ich nicht eine Partner, der es sich expliziet wünscht für die Kinder da zu sein.

    Danke für den gelungenen Text!

  3. Tina sagt

    Ja genau, das begegnet mir auch sehr häufig: Frauen treffen persönliche Entscheidungen.

    Bla bla …

    Da kommt so viel zusammen, darüber schrieben wir ja auch schon in meinem Blog: Persönliche Präferenzen (okay!), Machtverhältnisse (nicht okay), gesellschaftlicher und unternehmerischer Druck und Richtungsweisungen (doof).

    Komplexes Thema, ich weiß nur, dass es wahnsinnig viel ausmacht, wenn der männliche Partner so eine Art gleichberechtigtes Denken hat und wirklich bereit ist, Verantwortung im Sinne von Aufwand zu übernehmen. Ist das nicht der Fall, wird es besonders hart.

    • Ich kann dir da nur komplett zustimmen. Du hast es ja in deinem Blogpost auch gut geschrieben. Leider gibt es noch viel zu viele Männer da draußen, die nicht bereit sind auch zuhause Verantwortung zu übernehmen.

  4. mauerunkraut sagt

    Mein Partner und ich werden in den nächsten Jahren wohl auch so eine persönliche Entscheidung treffen. Prinzipiell wollen wir uns beide an der Erwerbsarbeit und der Familienarbeit beteiligen – die Frage die sich uns stellen wird ist, welche Möglichkeiten wir faktisch haben werden. Bei mir kommt noch dazu, dass ich relativ spät ein Studium aufgenommen habe und zum Zeitpunkt der Familienplanung beruflich eigentlich Fuß fassen müsste.

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