Was hat uns bloß so ruiniert?

Wir sind mittendrin. Der Anfang ist schon lange vorbei. Europa, Deutschland und die einzelnen Landtage. Der Rassismus und Antisemitismus, der immer da war, tritt wieder offen zu Tage. Man traut sich jetzt wieder rechts zu wählen. Was hat die Menschen nur so ruiniert? Ich bin nicht der*die Erste, der darüber schreibt und werde hoffentlich auch nicht der*die letzte sein und trotzdem fühle ich mich so hilflos. Was ist das für ein Land, in dem unsere Kinder groß werden? Wie kann es wieder zu dem kommen, was wir hofften hinter uns gelassen zu haben? War es naiv zu glauben, dass so etwas nicht wieder passieren könnte? Die Antwort kann jetzt nur noch lauten: ja!

Vor ungefähr drei Jahren las ich von Harald Welzer „Täter: Wie aus normalen Menschen Massenmörder werden“. Es war eine sehr eindringliche Lektüre. Viel drehte sie sich um die NS-Zeit und eben der Frage, wie aus „normalen“ Menschen Massenmörder werden können. Beim Lesen drehte sich mir oft der Magen um, ich war schockiert von den Auszügen aus den Interviews und Befragungen dieser Täter. Und mir war beim Lesen klar: Das, was da geschah, kann jederzeit und überall wieder passieren. Das wir in so schnellen Schritten wieder dorthin kommen, hätte ich zu dem Zeitpunkt nicht gedacht.

Wir sind in diesem Land umgeben von rassistischen, antisemitischen und homophoben Menschenhassern. Der Hashtag Kaltland ist bereits seit einigen Monaten fester Bestandteil vieler Berichte von Anschlägen auf Menschen und Flüchtlingsheimen. Es brauchte nur eine Partei, die all diesen Menschen einen Sammelpunkt bietet. Politiker*innen, die das sagen, was die Leute denken, weil sie wissen, dass sie damit Stimmen und Macht erhalten.

Und wie immer sind all die Menschen, die Gutes tun, zu leise. Nicht, weil sie nicht versuchen laut zu sein, sondern weil denjenigen, die Böses machen, die laut krakelen und rassistisch schimpfen, weil denen viel mehr Gehör geschenkt wird. Immer mit dem Hinweis, wie furchtbar sie doch sind und dann schenkt man ihnen weitere Minuten Sendezeit um ihre braune Scheiße zu verbreiten.

Ich vermisse aber auch, dass sich die Kirche dem geballt entgegen stellt. Das klar von den obersten Kirchenstellen bis hin zu den Pfarrer*innen, Gemeindekirchenräten und allen Christen gesagt wird: wir sind für alle Menschen da! Alle haben unsere Liebe verdient!
Aber natürlich passiert das nicht, weil auch in der Kirche Menschen dabei sind, die zu der Gruppe der Rassisten, Antisemiten und Homophoben gehören. Bei den Laien, wie auch unter den Pfarrer*innen und Gemeindekirchenräten. Wir haben viel zu viel Hass unter den Menschen und auch unter den Leuten, die Liebe predigen sollen.

Für mich fing ja so manches dieser Deutschtümmelei bereits mit den letzten Fußballgroßereignissen an. Das elende Deutschlandfahne-schwenken fand ich damals schon furchtbar. Mit einigen Freunden hatte ich hitzige Diskussionen darüber, dass diese vielen Fahnen schon ein Anfang sein können. Ein Anfang darin, wieder überall und jederzeit diese Fahne zu schwenken und sich über andere Länder zu erheben. Im Netz findet man zu dem Thema auch einiges, z.B. hier. Natürlich wurden meine Bedenken damals aber weggewischt. Es wäre doch alles nur ein großer Spaß und so eine Fahne am Auto macht doch aus niemanden einen Nazi. Ich glaube aber, dass man damit damals eine kleine Saat gelegt hat. Sie hätte nicht sprießen müssen, tat es aber. Gerne kann man mir hier vehement widersprechen, aber ich halte daran fest.

Also wieder zurück zur Ausgangsfrage: Was ist das für ein Land, in dem unsere Kinder groß werden? Wie können wir verhindern so von innen weiter zerfressen zu werden? Wie können wir dieses Land wieder lebenswert machen? Wie können wir den Geflüchteten eine Perspektive bieten, aber auch uns? Und wenn das alles nicht klappt: wohin können wir noch gehen?

  1. Ich hab da ne Vermutung… und ich fürchte, sie wird dir genauso wenig gefallen wie mir. http://papapelz.de/1399

  2. Karl Rotten

    Noch sind diejenigen in der Mehrheit, die glauben, dass unsere Demokratie vielleicht nicht das denkbar Beste, aber unter den gegebenen Umständen das machbar Beste ist. Und wir müssen mit allem, was wir haben, daran arbeiten, dass das die Mehrheit bleibt. Ich frage mich auch: Was kann ich persönlich dafür tun? Mich parteipolitisch engagieren? Bin heute morgen ziemlich ratlos…

  3. Ich bin oft auch ratlos. Mein Mann und ich sind engagiert -seit Jahren. Partei, Stiftung, Vereine. Wir tun was. Aber es sind zu wenige. Vor allem unserer Generation. Die sind zu beschäftigt mit Kindern und Job.
    runter vom Sofa, rein ins Engagement.

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